Schrei für die Winterseele
Sachte weht der Wind den feinen Nieselregen mal hierhin, mal dorthin. Ich schlage den Kragen meines Mantels zusammen, verstecke die Hände tief in den warmen Taschen und laufe Richtung Wald. Ich muß mich bewegen, muß Energie abbauen und außer mir ist bei dem Wetter keiner unterwegs. Die frische Luft und die Bewegung tut mir gut, ich habe mich eben noch gefühlt als wäre ich kurz davor, in die Luft zu gehen.
Im Wald ist es still, es riecht nach nassem Laub und die Bäume haben bereits begonnen, ihr buntes Herbstkleid anzulegen. Keine Menschenseele begegnet mir, sogar die wetterfesten Hundebesitzer scheinen ihren vierbeinigen Freunden heute nur eine kurze Runde um den Block zu gönnen. In mir brodelt es noch immer. All das, was ich die letzten Tage und Wochen für mich behalten habe, drängt nach außen. Jeder kennt doch das Gefühl, am liebsten toben und schreien zu wollen und dennoch die Energie zu unterdrücken, mit aller Mühe still zu bleiben.
Während dicke Tropfen von den Bäumen ihren Weg zu mir finden, kommt mir Ronja Räubertochter in den Sinn. Vor meinem inneren Auge sehe ich dieses Mädchen, wie es im Frühling durch den Wald hüpft, aus Herzenskräften schreit und ihrem Freund erklärt, daß sei ihr Frühlingsgeschrei, sie müsse sich den Winter aus dem Leib schreien. Ronja Räubertochter war meine Heldin als Kind. Ich habe diese Kinderbuch-Figur bewundert, wollte immer so sein wie sie. Ronja tut, was sie will, geht mit offenen Augen durchs Leben und ist voller Liebe für die Menschen, die sie umgeben. Ich denke darüber nach, wie oft ich mir mein eigenes "Frühlingsgeschrei" gewünscht habe. Manchmal, wenn es niemand mitbekommen hat, habe ich meinen Kopf im Kissen vergraben und geschrien, aber es war nie so befreiend, wie ich mir das gewünscht hätte. Ronjas Frühlingsgebrüll hatte nie etwas beängstigendes, es war immer etwas befreiendes.
Es ist Herbst, nicht Frühling. Mir ist niemand begegnet auf meinem Weg durch den Wald. Ich lasse die letzten Bäume hinter mir und stehe auf einer kleinen Lichtung. Der Wind zerzaust mir das Haar und feiner Nieselregen läßt es aussehen, als trüge ich tausend kleine Diamanten im Haar. Irgendwie komme ich mir ein bißchen albern vor, mitten auf dieser Lichtung zu stehen und zu fühlen, wie sich mein "Frühlingsgeschrei" ankündigt. Ich muß mir nicht den vergangenen Winter aus der Seele schreien, ich schreie den Winter aus meinem Herzen. Mit aller Macht, mit aller Lautstärke. Trotzig, wütend und mit dem Gesicht in den Wind stehe ich dort und lasse Wut und Trauer aus meinem Herzen, damit der Wind sie mitnimmt. Der Winter in meiner Seele beginnt zu schmelzen und macht Platz für den Frühling. Und das mitten im Herbst, auf einer einsamen Lichtung, mit dem Gesicht in den Wind stehend und Nieselregen, der mein Haar schmückt.
Es ist Zeit für den Schnee zu schmelzen, damit meine Seele wieder blühen kann. Es ist Zeit für die Tage, länger und wärmer zu werden. Und es wird Zeit für mich, daß ich mein Gesicht wieder der Sonne und dem Licht zuwende, denn kein Winter dauert ewig. Auch der in meinem Herzen nicht.
© Mirtana, Spätsommer 2004






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