Ganz unpassend zu meiner gestrigen Stimmung ein neuer, wenn auch etwas älterer Text, der mir heute morgen in den Sinn kam und den ich unbedingt suchen mußte - und das trotz Rollenspiel-Abends. In einem ordentlichen Haushalt geht schließlich nichts verloren und so fand ich auch diesen wieder - unnötig zu erwähnen, wie lange genau ich danach gesucht habe. Ich sollte dringend mal meine ganzen schriftlichen Notizen in Ordnung bringen ... Die kurze Geschichte enthält einige wahre Elemente, einiges hab ich mit Hilfe der "dichterischen Freiheit" einfach weg gelassen oder umgeschrieben. Den Grabstein gibt es allerdings wirklich - aber lest selber.
Somewhere over the Rainbow
Ganz klar, ich bin verärgert. Verärgert darüber, daß der Tag, an dem ich mich endlich in die Uni einschreiben wollte, so schief gelaufen ist. Verärgert darüber, daß die Dame im Sekretariat mein freundliches "Guten Morgen" nicht erwidert hat. Verärgert über Paragraphen, Bestimmungen, Regeln. Verärgert darüber, daß mein Freund seinen Computer so sehr zu lieben scheint. Verärgert über den kalten Wind, der mir Schnee um die Ohren pustet - und das auch noch im Ruhrgebiet. Und nun auch noch verärgert über den Busfahrer, der mir die Tür vor der Nase zugemacht hat und einfach losgefahren ist, mich somit zwingt, eine weitere halbe Stunde in der Kälte herumzustehen. Mißmutig starre ich auf die Schneeflocken, die ganz dreist vor meiner Nase ihren Tanz aufführen und mich so offenbar vollkommen ignorieren in meinem Ärger. Ich ziehe meinen Mantel enger um meine Schultern und vergrabe die Hände in den Taschen - da fällt mein Blick auf den Eingang auf der anderen Straßenseite. Ein Eingang zu einem Friedhof. "Na gut," denke ich. "Ich muß eh noch eine halbe Stunde warten, Bewegung hält wenigstens warm".
Also mache ich mich daran, den Friedhof zu erkunden. Kein Mensch zu sehen, kein Wunder bei dem Wetter. Während ich über den Friedhof stapfe und dem Wind dabei zusehe, wie er den Schnee leise über den Boden treibt, werde ich innerlicher ruhiger. Ich betrachte die einzelnen Grabsteine und in meinen Gedanken taucht die Frage auf, wie sehr diese verschiedenen Grabsteine eigentlich die Menschen, denen sie gewidmet sind repräsentieren. Es gibt große Steine, kleine Steine, protzige Steine, bescheidene Steine, es gibt Kreuze, es gibt Statuen, teure Steine mit goldenen Buchstaben, neue Steine, alte verwitterte Steine. Plötzlich fällt mein Blick auf einen Stein und ich bin geschockt über das, was ich auf ihm lese:
Ganz weit draußen,
Am Ende des Regenbogens,
Werde ich auf Dich warten.
Und wenn Du endlich kommst,
Werde ich sitzenbleiben
Mit verschränkten Armen über meinen Knien,
Damit Du nicht zu früh erfährst,
Mit welcher Sehnsucht ich Dich
erwartet habe. In Liebe, Walter
"Ja, ist denn sowas überhaupt erlaubt?" frage ich mich und muß im gleichen Moment schmunzeln. So eine Frage von mir, die noch vor einer halben Stunde verärgert über den Paragraphen Dschungel in Deutschland war? Der Stein und das Gedicht faszinieren mich und ich frage mich, wen Walter so geliebt haben mag. Trotz des kalten Windes wird mir warm und ich habe plötzlich das Bedürfnis, nach Hause fahren und meinen Freund sehen zu wollen.
Schön warm hier drin, melden mir meine kalten Füße, als ich mich durch die Wohnungstür schiebe. Ein Blick in die Küche verrät mir, daß Du zwar zu Hause bist, aber mal wieder nicht abgewaschen hast und ich Dich dafür vor Deinem Lieblingsspielzeug finde. "Hallo Maus, du bist ja schon wieder da", sagst Du und schaust mich ein wenig schuldbewußt an. "Hmm, bin ich", antworte ich Dir, gehe zu Dir rüber und küße Dich, küße auf Dich auf Deine warmen weichen Lippen und frage mich, wann ich das das letzte Mal wirklich bewußt getan habe. Du guckst erstaunt. "Aber ich habe doch noch gar nicht abgewaschen", höre ich Dich sagen und muß lachen. "Was ist denn mit Dir los?" willst Du wissen. Ich deute aus dem Fenster: "Es schneit". Und da ist es wieder, dieses jungenhafte Lächeln und dieser kindliche Blick in Deinen Augen, was ich an Dir ebenso liebe wie Deine warmen und weichen Lippen. Du schaltest den Computer aus: "Komm, laß mich meine Schuhe anziehen und dann laufen wir durch den Schnee zum Chinesen".
Draußen dämmert es und es schneit noch immer. Während wir zum Chinesen laufen, hältst Du meine Hand und erzählst mir vom Computerspielen. Was mich früher gelangweilt oder genervt hat, reißt mich heute mit, allein wegen der Begeisterung die Du zum Ausdruck bringst. Und so höre ich Dir zu, meine Hand in Deiner. In dieser kleinen Berührung liegt heute die ganze Kraft meiner Liebe zu Dir und in Gedanken danke ich Walter für seinen wunderschönen Grabstein, ohne denn ich jetzt wieder mit Dir wegen des nichtgemachten Abwaschs streiten würde.
© Mirtana, Herbst 2003
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