Tu nur einen Schritt
An mein Ohr dringen Stimmen, die auf meinen Sprung drängen, und ich spüre die abwartenden Blicke der Menschen im Rücken, die ebenfalls hier raufgeklettert sind. Sie wollen, daß ich endlich springe und nicht mehr den Betrieb aufhalte. Mein Rückweg die Leiter hinunter ist mir also versperrt. Der Weg nach unten führt über diesen einen Schritt. Angst läßt mich dort am Rande verharren, sie blendet das Gemurmel und die Blicke aus. Das da unten ist nur Wasser, versuche ich mir zu sagen, aber das vertreibt die Angst nicht. Ich habe die Wahl, ich kann springen oder aber den langen Weg zurück zum Boden wählen. Die Versuchung, mich umzudrehen, geschlagen zu geben, ist groß, aber ich rühre mich nicht. Weder nach vorne in die Tiefe, noch zurück zum sicheren Weg, der Leiter. Ich stehe einfach dort, schließe die Augen und fühle den warmen, sanften Sommerwind auf meiner Haut. Es ist, als würde selbst der Wind mir sagen "Es ist nicht schwer, es ist doch nur ein Schritt, laß Dich einfach fallen."
Noch ein langer Blick nach unten, noch einmal tief eingeatmet und ich gehe mit geöffneten Augen diesen einen Schritt nach vorne, lasse mich in die Tiefe fallen. Ich weiß, ein Mensch überwindet diese zehn Meter in ein, vielleicht zwei Sekunden. Doch in diesem einen Augenblick dehnt sich die Zeit für mich, ich sehe die Wasseroberfläche wie in Zeitlupe näher kommen, bis ich endlich eintauche. Und ich tauche tief in das überraschend kalte Wasser ein, lasse mich einfach sinken. Die Kälte scheint meinen Herzschlag zu stoppen und die Zeit dehnt sich zur Ewigkeit. Meine Lungen fühlen sich an, als würden sie jeden Augenblick bersten und ich atme einfach aus, sehe die kostbare Atemluft wie schillernde Perlen nach oben steigen. Einen kurzen Augenblick schwebe ich bewegungslos im Wasser. Dieser Augenblick dehnt sich für mich zu meiner Ewigkeit und schenkt mir seinen Zauber, vollkommen schwerelos zu sein. Ich möchte ewig hier verharren, so leicht und ohne Ballast. Meine Lungen erinnern mich daran, daß es an der Zeit ist zur Oberfläche zurück zu kehren. Mit kraftvollen Bewegungen durchbreche ich die Oberfläche des Wassers, meine Lungen konsumieren gierig Sauerstoff. Ich fühl, wie das Adrenalin immer noch durch meinen Körper rast.
Mit ruhigen Zügen schwimme ich an den Rand des Beckens, ziehe mich aus dem Wasser und werfe einen letzten Blick auf den Sprungturm. Mein Herz pocht immer noch ziemlich aufgeregt während dieses Blickes. Von hier unten sieht es gar nicht mehr so hoch aus. Ich dreh mich um und gehe. Jetzt weiß ich, ich werde immer wieder springen. Ich hab den Bann gebrochen, der von diesem Turm ausgeht, der so unschuldig in der Sonne steht.
© Mirtana 1999





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